Leinen los (Juni 2004)

Wir liegen in Methoni vor Anker, in dem Ort, wo wir letzten Herbst bei Theo im Appartement gewohnt hatten. Wir werden herzlich empfangen und geniessen in seinem Garten wieder einmal ein Barbecue. Sogar das Österreicherehepaar, das damals neben uns wohnte, ist wieder da. Da sind wir also wieder, nur blicken wir nicht vom Land hinaus auf die Segelschiffe in der Bucht, sondern vom Boot hinüber ins Dorf. Dazwischen liegen acht Monate voller Enthusiasmus, Zweifel und vor allem Arbeit. Blättern wir etwas zurück:

Anfangs Februar trafen per Post unsere für das Schiffsprojekt benötigten Sachen ein, darunter auch Rainers Werkzeuge, die Ruth und Fredy aus unseren eingestellten Kisten zusammengestellt hatten. Alfred schmuggelte vier Schachteln über die Schweizergrenze, um sie von Deutschland aus (EU-Zone) zu versenden. Nach zwei Wochen kam in Kalamata alles unversehrt an.

Gewisse Vorhaben am Schiff konnten wir erst dann ausführen. So die Erneuerung der Decke der Heckkabine, da sich diese nicht mehr montieren liess, nachdem wir sie wegen Wassereinbrüchen und Kontrolle der darunter verlegten Kabel entfernen mussten. Zu dieser Holzarbeit bauten wir noch Gestelle zur Vergrösserung des Stauraums ein. Sechs volle Wochen waren wir damit beschäftigt, natürlich mit einer Werkstatt unter freiem Himmel auf dem Steg. Jedes Werkstück mussten wir über die schmale Gangway balancieren. Beim kleinsten Regenschauer galt es alles abzubauen... und auf unserem eh schon engen Schiff zu verstauen. Allmählich lernten auch wir, wo das benötigte Material lokal zu beschaffen war. Nach wie vor waren wir froh um unsere Fahrräder als Transportmittel. Leider litten sie sehr unter der salzigen Luft.

Arbeit - Arbeit - Arbeit

Vieles andere galt es ebenfalls zu erneuern und zu organisieren. So mussten wir das Ankergeschirr ersetzen, dem bestehenden Anker an einer mehrmals geflickten rostigen Kette wollten wir nicht so recht trauen. Um das Schiff unter Schweizerflagge registrieren lassen zu können, war eine neue Rettungsinsel erforderlich, die alte liess sich nicht mehr warten. Decksdurchbrüche waren abzudichten und viele kleine Schäden zu spachteln. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus unserer umfangreichen Pendenzenliste. Alles Sachen, denen wir Neulinge beim Kauf zu wenig Beachtung geschenkt hatten, oder die uns gar nicht bewusst waren.

Mit dem Ansteigen der Temperaturen wurde auch eine vernünftige Beschattung des Cockpits sowie Mückennetze fällig. UV-Licht und Salzwassereinfluss wirken sehr zerstörend, weshalb an Deck benötigte Ausrüstungsgegenstände mit Hüllen geschützt werden mussten. Margrit schaffte alle diese Näharbeiten auf unserem wackligen Tischchen im Cockpit!

Der Winter in Kalamata war gemischt mit Sonnen-, Regen- und Sturmtagen. Einmal gab es sogar Schnee und Frost bis minus 4 Grad, so dass die Wasseruhren am Steg barsten. Stürme liessen uns ums Schiff bangen: Halten die Leinen und Ketten? Südstürme brachten das ganze Hafenbecken in Unruhe, die Schiffe schaukelten wie auf hoher See. Der schlimmste Sturm war aber erst am 5. Mai. Die Wellen brachen sich über die Schutzmauer direkt hinter unserem Steg, der kniehoch überschwemmt wurde. Unser Nachbar wurde dabei beim Gang aufs WC erfasst und ins Hafenbecken gespült, zum Glück ohne Verletzung. Innert Minuten stieg das Wasser im Hafen auf Steghöhe an und war voller Treibgut. Muringketten (feste , im Grund des Hafens befestigte Ankerketten) und Festmacherleinen brachen. Nur dank nachbarlicher Hilfe entstand kein grösserer Schaden an den Schiffen.

SchiffstaufeAm 23. April 2004 tauften wir unser Boot auf den Namen Jabalí, da «Boheme» bereits im Schweizerischen Schiffsregister existierte. Es war eine Abwechslung im «Yachtie-Alltag», dementsprechend erfreulich die Anzahl der Gäste.

Ausflug in die BuchtDie grösste Überraschung des Winters erlebten wir Ende April. Als wir gegen halb neun den Blick auf den Steg richteten, schauten wir in die Augen von Rainers Nichte Karin und ihrem Mann Bruno. Karin hatte sich diese Überraschung als ihr Geburtstagsgeschenk ausgedacht. Seit sechs in der Früh warteten die beiden da, nach vierstündiger Fahrt mit ihrem Mietwagen vom Athener Flughafen aus. Für uns war es nebst der gelungenen Überraschung eine schöne Abwechslung in unserem «Alltag»! Wir erkundeten mit ihrem Auto die Umgebung. Überall blühte es zu dieser Jahreszeit. Im Gegenzug nutzten wir die Gelegenheit, mit unseren Gästen den ersten Probeschlag mit Jabalí zu machen. Bei Sonnenschein und günstigem Segelwind kreuzten wir in der Bucht.

Auf- und im Schiff

Anfangs Mai verliessen einige Winterlieger den Hafen. Am Steg wurde es ruhiger, neue Gesichter tauchten auf, neue Bekanntschaften ergaben sich. Wir genossen es sehr, nach sechs Monaten «Reiheneinfamilienhaus-Atmosphäre». Noch Mitte Mai brausten Stürme übers Mittelmeer und unsere Abfahrt verzögerte sich. Zudem war noch der griechische Papierkram rund ums Schiff zu erledigen. Das erste Mal auf der Reise spürten wir Schweizer, nicht zur EU zu gehören. Gebühren wurden fällig: Für nicht EU-Schiffe muss alle drei Monate eine Verkehrssteuer entrichtet werden, ob das Boot bewegt wird oder nicht. Nun, was solls...

Am 28. Mai 2004 ist es soweit. Vorräte gebunkert, Wasser, Gas und Diesel gefüllt, Wetterbericht OK, von allen verabschiedet. Margrit betätigt den Anlasserknopf... doch Jabalí gibt nur ein müdes Grunzen von sich - Starterbatterie im Eimer - warten, bis die Läden um 18 Uhr öffnen. Rainer wird mit dem Roller eines Bekannten in die Stadt gefahren, um eine neue Batterie zu besorgen. Abends noch eingebaut, schnurrt Jabalí wieder wohlig wie eine Katze! Anderntags kann es losgehen. Für unsere treuen Räder haben wir keinen Platz auf dem Schiff. Da wir planen, nächsten Winter nach Kalamata zurückzukehren, konnten wir sie im Hafengelände unterstellen.

Der erste Schlag ist kurz. Nur quer über die Bucht nach Petalidi. Es ist auch hier Pfingsten. Der Wind kommt von vorne, wir müssen aufkreuzen. Am Ankerplatz ist es ruhig, der freie Blick aufs Meer und das Dörfchen wohltuend. So muss das Seglerleben sein, sagen wir uns! Die zwei Tage vergehen im Nu. Das erste Meerbad, um zu sehen wie der Anker liegt, ist bei kaum 20 Grad Wassertemperatur sehr erfrischend. Die Luft ist immer noch kühl, nachts um die 15 Grad, tags um 22. Nach diesen Tagen der «wiedergewonnen Freiheit» geht es Anker auf nach Koroni, am südwestlichen Ende des Messinischen Golfes. Beim anfänglich gemütlichen Aufkreuzen gegen einen 3er Süd probieren wir unsere Schleppangel aus. Leider (oder zum Glück) ohne Erfolg. Plötzlich Windstille... und aus Nordwest sind Schaumkrönchen auszumachen. Margrit holt schnell die Angel ein, was bei 60 Meter Silch kein schnelles Unterfangen ist. Vorsichtshalber rollen wir die Genua etwas ein. Was da heranrollt, ist ein flotter 6er mit einer hackigen Welle. Wir müssen an den Wind, um auch das Gross zu reffen. Dazu muss die Genua noch kleiner gerollt werden... das alles am zweiten Segeltag und in Echtzeit! Was sich verheddern kann, verheddert sich, was sich vertüdern kann, vertüdert sich! Schlussendlich schaffen wir es und nehmen wieder Kurs auf den Hafen von Koroni. Die Häfen in dieser Ecke sind eigentlich Ankerbuchten mit einer nur teilweise schützenden Mole. Koroni ist bei Nordwester ungeeignet. Wir beschliessen, ums Kap auf dem eine Burg thront, zu segeln, in der Hoffnung auf besseren Schutz. Auf dem Weg dorthin legt der Wind wegen dem Kapeffekt zu. Wir müssen nochmals reffen. Trotzdem legt sich Jabalí in einer Bö arg über. Die Farbe weicht allmählich aus dem Gesicht der Steuerfrau. In Sausefahrt rauschen wir auf 3 Metern Tiefe dem Strand entlang, um einen Ankerplatz auszumachen. Rasch Motor an, Segel weg, Anker ab und... er hält! Ein Lob auf unser neues Ankergeschirr und den guten Ankergrund. Nach einer Verschnaufpause kocht Margrit ein feines Nachtessen, während die Böen über unsere Köpfe pfeifen. Eine weitere Yacht sucht in unserer Nähe Schutz. Bald nach Sonnenuntergang stellt der Wind ab, aber ein grässlicher Schwell (Wellen ohne Wind, die Schiffe wie Puppen tanzen lassen) baut sich an dieser ungeschützten Küste auf und lässt uns kaum schlafen. «Kerniges Segeln» würde unser Freund Alfred sagen.

Leinen los

Am Morgen verlassen wir den ungemütlichen Platz und segeln zurück in den Hafen von Koroni, jetzt wieder zahm und in schönstem Licht. Das Panorama ist fotoreif. Wir blasen unser Schlauchboot auf, paddeln an Land, bummeln und machen Einkäufe. Koroni ist für uns eines der hübschesten Dörfer an den Küsten des Peloponnes. Weiss getünchte Häuser und enge Gässchen lassen das Griechenland unserer Erinnerungen aufleben. Etwas touristisch zwar, aber nicht aufdringlich. Bei der Kontrolle der Küstenwache werden wir darauf hingewiesen, dass unsere Seeflagge auf dem Besanmasttop unstatthaft über der Gastlandflagge weht. Schnell heissen wir die Hafenflagge am Heck. Soviel Förmlichkeit hat uns in diesem Land doch sehr überrascht! Da wieder Nordwestwind vorhergesagt ist, verlassen wir Koroni Richtung Finikuda. Dort schüttelt uns wieder starker Schwell und die warme Küche fällt an diesem Abend aus. Anderntags, den Wind immer noch auf der Nase, kreuzen wir in kurzen Schlägen durch enge Durchfahrten gegen die Strömung nach Methoni, ohne selbstholende Winschen eine Knochenarbeit. Dafür ist die Aussicht toll, denn immer wieder segeln wir nahe unter Land.

Rückblickend müssen wir uns eingestehen, dass wir den Aufwand für Kauf und Vorbereitung des Schiffes unterschätzt haben.Endlich Sommer Mit dem Umstieg aufs Schiff haben wir auch wieder mehr Verantwortung und Pflichten übernommen. Die ersten Segeltage machten uns bewusst, wie stark wir von unserem Gefährt abhängen und an es gebunden sind. Bei Landgängen sind wir oft in Gedanken beim Schiff, vor allem wenn es vor Anker liegt. Jede Gewitterwolke oder Winddrehung beunruhigt. Die unvoreingenommen begeisterten Seebären sind wir noch nicht! Ob wir es jemals werden?

Inzwischen ist auch der griechische Sommer eingekehrt, Luft- und Wassertemperaturen laden täglich zum Schwimmen ein.